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„Kunst sollte sich einmischen“
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Westdeutsche Zeitung | 23.05.2018

Menschen leben in einem Umfeld, dass von Menschen erschaffen ist. Ist das unsere Kultur? Viele sprechen von unterschiedlichen Kulturen in unterschiedlichen Gesellschaften. Sie unterscheiden sich durch abweichende Werte, Gesetze und Strukturen, verschiedenen Historien und ungleichem Zeitgeist. Das heißt, Kulturen sind im Laufe der Zeit entstandene gesellschaftliche, soziale Rahmenbedingungen, die wiederum das Selbstverständnis all jener, welche in diesem System leben prägen.

Menschen, die etwas verändern wollen, sind kreativ. Wie wird das in unserer Kultur bewertet? Unsere Lebenswelt ist stark von wirtschaftlichen Interessen geprägt. Veränderungen werden daher vorwiegend positiv angesehen, wenn sie kapitalen Profit erzeugen. Kreativität wird im wirtschaftlichen Zusammenhang sehr oft mit Innovation verbunden. Individuelle Kreativität führt aber nicht automatisch zu Innovation — der gesellschaftlichen Annahme von Ideen. Daher sollte der Begriff Kreativität in vielen Fällen durch den Begriff Produktivität ersetzt werden. So würden zum Beispiel Kreativtechniken zu Produktivitätstechniken.

Wie verändern sich Kulturen? Der radikale Wandel von gesellschaftlichen Systemen wird als Revolution bezeichnet. Zu oft ereigneten sich diese gewaltvoll, angetrieben von Teilen des betroffenen Systems, die bestimmte, aus ihrer Sicht negative Konditionen zerstören, aber in der Regel keine positiven Alternativen einrichten konnten. Nach solchen Angriffen entwickeln sich Kulturen aufgrund der entstandenen instabilen Rahmenbedingungen neu, aber in der Regel nicht im Sinne derer, die diese durch ihre Aktion ausgelöst haben.

Was kann man daraus lernen? Würde die Gesellschaft es schaffen, die eigenen Rahmenbedingungen im gemeinsamen Sinne zu verändern, hätte sie die Chance, ihre Kultur positiv zu entwickeln. Gemeinsam bedeutet in diesem Kontext nicht harmonisch. Die Anerkennung komplexer, interner Spannungsverhältnisse — Diversität — unterschiedlicher individueller Antriebe, Werte und Fähigkeiten erzeugt Entwicklung.

Netzwerke sind, wenn sie in diesem Sinne agieren, eine perfekte Basis. Sie ermöglichen die Synergie von Störern, die Impulse setzen, Wissenden, die Umsetzungen ermöglichen, und Vermittlern, die Verbindungen herstellen. Wichtig dabei ist Instabilität, Diversität und Offenheit zu erhalten. Harmonische, in sich geschlossene Systeme, entwickeln sich nicht weiter.

Manchmal wird der Begriff Kultur auf Kunst reduziert und gleichzeitig aus unserer Kultur ausgegrenzt. Deshalb sollte sich Kunst in die Kultur einmischen — irritieren und Wahrnehmung erweitern, provozieren und Diskurse anregen. Gleichzeitig ist sie in der Lage zu zeigen: Eine Melodie ist mehr als einzelne Noten, ein Bild mehr als die verwendeten Farben, ein Text mehr als die Buchstaben, und ein Netzwerk kollektive Intelligenz.

Kunst sollte sich einmischen FNWK Kolumne

 

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